Färben & Farbe

Wie Polyester gefärbt wird: Dispersionsfarbstoffe und das HT-Verfahren

Das Färben von Polyester mit Dispersionsfarbstoffen bei hoher Temperatur (HT): warum Reaktivfarbstoffe auf PET nicht funktionieren, und wie die Farbechtheit entsteht.

6 Abschnitte 5 Begriffe 7 Quellen ~6 Min.

Polyester (PET) ist eine hydrophobe, chemisch weitgehend inerte Faser mit geringer Affinität zu Wasser. Reaktiv- oder Direktfarbstoffe, die für hydrophile Fasern wie Baumwolle oder Viskose eingesetzt werden, können sich deshalb nicht an Polyester binden. Polyester wird ausschließlich mit Dispersionsfarbstoffen gefärbt, meist im Hochtemperaturverfahren (HT).

Drei Applikationsverfahren für Dispersionsfarbstoffe und ihre typischen Temperaturen.

Was ist ein Dispersionsfarbstoff?

Dispersionsfarbstoffe sind in Wasser praktisch unlösliche Farbstoffe, die als feinste Partikel im Wasser dispergiert werden. Beim Färben wandern sie von der Faseroberfläche nach innen und lagern sich physikalisch zwischen den Polyesterketten ein. Es entsteht keine chemische Bindung — der Farbstoff wird in der Faser in einem Zustand ähnlich einer festen Lösung gehalten.

Warum funktionieren Reaktivfarbstoffe auf PET nicht?

Reaktivfarbstoffe färben, indem sie kovalente Bindungen mit den Hydroxylgruppen (-OH) cellulosischer Fasern eingehen. Das Polyestermolekül besitzt keine reaktive chemische Gruppe, an die diese Farbstoffe binden könnten, und da die Faser kein Wasser aufnimmt, gelangt die Färbeflotte nicht ins Innere. Auf PET bluten Reaktiv- und Direktfarbstoffe deshalb beim Waschen aus und liefern keine Echtheit; der Dispersionsfarbstoff dagegen bettet sich in die Faserstruktur selbst ein und ergibt eine dauerhafte Farbe.

Das Hochtemperaturverfahren (HT)

Die dichte Molekülstruktur des Polyesters lässt den Farbstoff bei normalen Temperaturen nicht eindringen. Gefärbt wird daher in der Regel in geschlossenen Druckmaschinen bei Temperaturen oberhalb des Siedepunkts von Wasser. Bei dieser Wärme erweichen die Polyesterketten (der Glasübergang wird überschritten), die Zwischenräume öffnen sich und der Dispersionsfarbstoff diffundiert in die Faser. Beim Abkühlen schließt sich die Struktur wieder und schließt den Farbstoff im Inneren ein. Für Verfahren bei atmosphärischem Kochen lassen sich Carrier-Chemikalien einsetzen, doch das HT-Verfahren wird aus Umwelt- und Echtheitsgründen meist bevorzugt.

Der Zusammenhang mit der Sublimation

Da Dispersionsfarbstoffe unter Wärme in die Gasphase übergehen können, werden sie auch im digitalen Transferdruck (Sublimation) eingesetzt: Der Farbstoff verdampft unter Hitze und Druck vom Papier und geht auf die Polyesteroberfläche über. Dieselbe Chemie ist bei PET die Grundlage sowohl des Färbens als auch des Druckens. Die Neigung zur Sublimation bei hohen Temperaturen kann in dunklen Tönen nach der Thermobehandlung jedoch auch zu Farbmigration führen.

Farbechtheit und Qualität

  • Ein richtig gewählter Dispersionsfarbstoff zusammen mit dem HT-Verfahren liefert hohe Wasch- und Lichtechtheit.
  • Die reduktive Nachreinigung (reduction clearing) entfernt den nicht gebundenen Farbstoff an der Oberfläche und verbessert Reib- und Schweißechtheit.
  • Unzureichend entfernter Oberflächenfarbstoff führt über Sublimation und Migration zu einem Abfall der Echtheit.
  • Die Temperatur des Thermofixierens beeinflusst Farbton und Dimensionsstabilität; die Prozesskontrolle ist entscheidend.
  • Echtheitsprüfungen (Waschen, Reiben, Licht, Schweiß) sind Teil der Qualitätssicherung; Zertifizierungen wie OEKO-TEX belegen die Sicherheit der eingesetzten Chemikalien.

Vertiefung: Verfahren und Kinetik

Im Hauptteil wurden die drei Färberouten (Hochtemperatur/Hochdruck, Carrier, Thermosol) und die Energieklassen nur kurz genannt. Hier gehen wir eine Ebene tiefer: zur Kinetik, zum Zusammenhang von Temperatur und Diffusion und zum Echtheitsabschluss. Derselbe Dispersionsfarbstoff liefert völlig unterschiedliche Echtheiten, je nachdem über welchen Mechanismus er in die Faser gelangt ist.

Färben als Diffusionsproblem: Tg und freies Volumen

Das Färben von Polyester (PET) ist ein Diffusionsproblem, und die Geschwindigkeit wird dabei von der Kettenbeweglichkeit in den amorphen Bereichen der Faser bestimmt. Die Glasübergangstemperatur (Tg) von PET liegt trocken typischerweise bei ~80 °C; in Wasser sinkt sie durch Plastifizierung ab, häufig auf etwa ~65 °C. Unterhalb der Tg sind die Ketten eingefroren, das freie Volumen reicht nicht aus und der Farbstoff kann praktisch nicht diffundieren. Oberhalb der Tg öffnet sich die segmentale Beweglichkeit, das freie Volumen wächst und der Diffusionskoeffizient steigt steil an. Die Temperaturabhängigkeit ist daher vom Arrhenius/WLF-Typ: In der Literatur werden die scheinbaren Aktivierungsenergien der Diffusion von Dispersionsfarbstoffen in einem weiten Bereich angegeben (grob ~30–60 kcal·mol⁻¹, also ~125–250 kJ·mol⁻¹). Bereits einige zehn Grad mehr verändern die Diffusionsgeschwindigkeit daher um ein Vielfaches. In der Praxis teilt sich das Färbeverhalten grob in drei Bereiche: unter ~65 °C (vernachlässigbare Aufnahme), ~65–110 °C (nahe der Tg, sich öffnende Beweglichkeit) und ~110–130 °C (schnelle, kontrollierte Diffusion).

Drei Routen, drei Temperaturregime

Das HTHP-Ausziehverfahren (Hochtemperatur/Hochdruck) arbeitet deshalb bei ~130 °C im Druckbehälter: Es liegt weit oberhalb der Tg, das freie Volumen ist reichlich vorhanden, und der Farbstoff löst sich aus den festen Aggregaten und diffundiert in die Faser. In diesem Regime werden die Halbfärbezeit (half-dyeing time, t½) und der Endauszug (exhaustion) gesteuert. Wird die Temperaturrampe nicht kontrolliert, führt die schnelle Aufnahme zu unegaler Färbung; deshalb wird die Rampe in der „kritischen Zone“ von ~100–120 °C verlangsamt (typisch 1–1,5 °C/min).

Die Carrier-Färbung erreicht dasselbe bei ~95–100 °C beim Kochen unter Atmosphärendruck, indem sie die Tg chemisch absenkt. Der Mechanismus ist die Plastifizierung: hydrophobe Verbindungen mit niedriger Molmasse (historisch Biphenyl, Diphenylether, aromatische Ester und n-Alkylphthalimide) dringen in die amorphen Bereiche ein, lockern die Ketten, drücken die Tg herab und erhöhen das freie Volumen — so beschleunigt sich die Diffusion bei Kochtemperatur. Der Preis ist eine Belastung bei Umwelt, Geruch und Echtheit (manche klassischen Carrier sind toxisch oder flüchtig), weshalb Betriebe mit Druckanlagen weitgehend zu HTHP übergegangen sind. Ökologische Carrier bleiben aus diesem Grund ein Forschungsthema.

Thermosol ist kein wässriges Ausziehverfahren, sondern eine kontinuierliche Trockenhitzefixierung: Die geklotzte und getrocknete Ware wird bei ~180–220 °C für 30–90 s fixiert. Der Mechanismus ist hier Sublimation plus Dampfphasendiffusion — der Farbstoff geht direkt vom Feststoff in den Dampf über und dringt in die Faser ein. Das Gleichgewicht ist empfindlich: Ist die Sublimationsgeschwindigkeit zu niedrig, sinkt die Farbausbeute; ist sie zu hoch, entweicht der Farbstoff, bevor die Faser ihn aufnehmen kann, und schlägt sich an Maschinenwänden und Oberflächen nieder. Thermosol verlangt deshalb hochenergetische Farbstoffe.

Energieklassen: E, SE, S

Die Energieklassen (E / SE / S) entsprechen genau diesen Routen. E-Farbstoffe (niedrige Energie) haben eine kleine Molmasse, geringe Polarität und diffundieren schnell, besitzen aber eine schwache Sublimierechtheit; sie egalisieren (migrieren) gut, verflüchtigen sich jedoch beim Thermosolverfahren und beim Thermofixieren. S-Farbstoffe (hohe Energie) sind größer, polarer und diffundieren langsamer, haben aber die höchste Hitze- und Sublimierechtheit — sie werden für Produkte gewählt, die Thermosol und ein Thermofixieren bei 180–200 °C erfordern. SE steht dazwischen. Die zentrale ingenieurtechnische Entscheidung: Die höchste thermische Behandlung, der das Produkt ausgesetzt wird (Thermofixieren, Plissieren, Transferdruck), bestimmt die Energieklasse, nicht der Farbton.

Die drei Dispersionsfärberouten und die Eignung der Energieklasse (typische Bereiche; anlagenabhängig)
ParameterCarrierHTHP-AusziehverfahrenThermosol (kontinuierlich)
Temperatur~95–100 °C (atmosphärisch)~125–135 °C (unter Druck)~180–220 °C Trockenhitze
Dauer60–90 min30–60 min30–90 s Fixierung
MechanismusTg-Absenkung / PlastifizierungFlüssigphasendiffusion oberhalb der TgSublimation + Dampfphasendiffusion
Geeignete EnergieklasseE (niedrig)E–SE–S alleSE–S (hoch)
Typischer EinsatzDrucklose Maschine / empfindliche FaserPartiefärbung von Maschenware und GewebeKontinueverfahren für Gewebe in voller Breite
HauptschwächeUmwelt/Geruch, EchtheitslastEnergie + ZykluszeitFarbverlust bei niederenergetischen Farbstoffen

Echtheitsabschluss: reduktive Nachreinigung und Sublimation

Mit dem Färben ist die Arbeit nicht beendet: Nicht diffundierte Aggregate des Dispersionsfarbstoffs, die an der Faseroberfläche haften, senken Nass- und Reibechtheit. Zu ihrer Entfernung wird reduktiv nachgereinigt (reduction clearing) — die klassische Rezeptur setzt im alkalischen Milieu Natriumdithionit (Natriumhydrosulfit, Na₂S₂O₄) und Natriumhydroxid (NaOH) ein, typisch bei ~70–80 °C. Das Reagenz reduziert das Azochromophor an der Oberfläche zu farblosen, in Wasser besser löslichen Bruchstücken, die ausgewaschen werden; das Ergebnis ist ein deutlicher Sprung bei der Waschechtheit nach ISO 105-C06 und der Reibechtheit (crocking) nach ISO 105-X12. Wegen der Sulfit- und Sulfatfracht (CSB) sowie des alkalischen Wasserverbrauchs werden zunehmend saure reduktive Alternativen bevorzugt, etwa auf Basis von Thioharnstoffdioxid in sauren Einbadverfahren.

Der Zusammenhang zwischen Sublimierechtheit und Rezeptur ist unmittelbar: Ein Produkt, das thermofixiert oder im Transferdruck bedruckt wird, prüft man nach ISO 105-P01 (Trockenhitze), und diese Prüfung besteht nur die Kombination aus hochenergetischer Klasse (S) und wirksamer reduktiver Nachreinigung. Auch die Ergebnisse bei Schweiß (ISO 105-E04) und Wäsche (ISO 105-C06) hängen weitgehend davon ab, ob der Oberflächenfarbstoff entfernt wurde — Echtheit ist also ebenso eine Funktion der Ausrüstungschemie wie der Chromophorwahl. Genau deshalb ist die Schrittfolge im Leitfaden disperse-dyeing-process (Färben → reduktive Nachreinigung → Thermofixieren) unveränderlich.

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