Polymer & Prozess

Die Wissenschaft des Mikrofilaments: Garne im Mikro- und Nano-Denier-Bereich

Wenn Sie ein Filament auf ein Zehntel der Feinheit eines menschlichen Haares bringen, schreiben sich Griff, Deckvermögen und Feuchtigkeitsverhalten eines Textils neu; die Rechnung zahlen Sie in der Färberei und bei der Festigkeit.

4 Abschnitte 6 Begriffe 8 Quellen ~4 Min.

Die ganze Geschichte des Mikrofilaments steckt in einer einzigen Verhältniszahl: dem Denier pro Filament (dpf), also dem Anteil eines einzelnen Filaments an der Gesamtfeinheit eines Multifilamentgarns. Denier ist das Gewicht von 9.000 Metern Filament in Gramm; das metrische Gegenstück dtex ist das Gewicht von 10.000 Metern. Ob ein Garn grob oder fein ausfällt, entscheidet nicht der Gesamtdenier, sondern die Zahl der Filamente, die sich diesen Wert teilen: 150 Denier auf 48 Filamente ist grob, dieselben 150 Denier auf 144 Filamente ergeben einen seidigen Mikro-Griff.

Wo die Schwelle liegt: Mikro, Ultra-Mikro, Nano

Eine in Industrie und Lehrbüchern verbreitete Einteilung ordnet die Filamentfeinheit in dtex-Bänder: grob (>7 dtex), normal (2,4–7,0), fein (1,0–2,4), mikro (0,3–1,0) und ultrafein (<0,3). Die praktische Definition ist eindeutig: Unterhalb von 1,0 dpf (rund 1 dtex) gilt ein Filament als „Mikrofilament“, unterhalb von 0,3 dtex als „Mikrofaser bzw. Ultra-Mikro“. Konventionelles Polyesterfilament liegt typischerweise im Band 1,5–4 dpf; eine Mikrofaser erreicht davon oft etwa ein Fünftel.

Diese Zahlen entsprechen einem konkreten Durchmesser. Ein PET-Filament von 1 dtex misst rund 10 µm im Durchmesser; dieselbe Feinheit in Polyamid (PA) ergibt ~11 µm, in Polypropylen ~12 µm — wegen der Dichteunterschiede, denn ein leichteres Polymer fällt bei gleichem dtex dicker aus. Mikrofaser bedeutet im weiteren Sinne weniger als 10 µm, also etwa ein Zehntel des Querschnitts eines menschlichen Haares (~70 µm). In extremen Produkten nach dem Matrix-Fibrillen-Typ (islands-in-the-sea) kann ein Einzelfilament 0,06 dpf erreichen, das entspricht rund 2–3 µm Durchmesser; echte Submikron-Durchmesser erreichen nur weit feinere Nanofilamente.

Zwei Produktionswege: Direktspinnen und Bikomponentenspinnen

Es gibt zwei grundsätzliche Wege zu einem feinen Filament. Der erste ist das direkte Schmelzspinnen (melt spinning): Das Polymer wird durch eine Spinndüse mit vielen feinen Bohrungen gezogen und über das L/D-Verhältnis der Bohrung, die Verstreckung und die Aufwickelgeschwindigkeit verfeinert. Mit kleinerem Bohrungsdurchmesser und geringerem Durchsatz steigen jedoch die Risiken von Schmelzbruch (melt fracture), Fadenbruch und Ungleichmäßigkeit; deshalb hat das Direktspinnen eine praktische Untergrenze.

Matrix-Fibrillen-Typ und spaltbare Strukturen

Der zweite Weg ist das Bikomponentenspinnen (Konjugatspinnen), und daher stammt die eigentliche Ultrafeinheit. Beim Matrix-Fibrillen-Typ (islands-in-the-sea) werden Dutzende „island“-Filamente in eine lösliche „sea“-Matrix eingebettet, meist ein alkalilöslicher Co-Polyester; nach dem Stricken bzw. Weben löst Alkali die Matrix, zurück bleiben nur die Filamente. Bei der spaltbaren Konjugatstruktur (segmented-pie / Orangenscheiben-Typ) werden zwei unverträgliche Polymere (z. B. PET/PA) als Segmente gesponnen und anschließend mechanisch oder chemisch getrennt. Die Familie der Ultra-Wildlederimitate — im Markt etwa Ultrasuede von Toray — ist das klassische Produkt dieses Matrix-Fibrillen-Wegs (islands-in-the-sea).

Vergleich der Produktionswege für Mikrofilamente
ParameterDirektspinnenMatrix-Fibrillen-Typ (islands-in-the-sea)Spaltbar (segmented-pie)
Erreichbare Feinheit~0,5–1,0 dpf praktische Untergrenzeim Extrem <0,1 dpf (Mono ~0,06)~0,1–0,3 dpf nach der Spaltung
FilamentquerschnittRund/profiliertGleichmäßig runde InselfilamenteKeil-/Segmentform, scharfkantig
NachbehandlungKeineAlkali löst die „sea“-Matrix (Masseverlust)Mechanische/chemische Spaltung wird ausgelöst
Typischer EinsatzFeine Maschenware/Gewebe, DochtwirkungWildlederimitat/Velours, hohes DeckvermögenReinigungstücher, technische Vliesstoffe

Warum der Unterschied so groß ist: die Physik der spezifischen Oberfläche

Die größte Stärke und der größte Ärger des Mikrofilaments entspringen derselben Größe: der spezifischen Oberfläche. Bei einem zylindrischen Filament ist die Oberfläche je Volumeneinheit umgekehrt proportional zum Durchmesser; ein halbierter Durchmesser verdoppelt die spezifische Oberfläche näherungsweise. Teilt man dieselbe Masse auf um ein Vielfaches feinere Filamente auf, steigen die Kontaktfläche im Textil und die Zahl der Kapillarkanäle zwischen den Filamenten drastisch.

Die positiven Folgen: ein sehr weicher, fließender Griff und eine Pfirsichhaut-Oberfläche; hohes Deckvermögen und ein mattes, puderiges Erscheinungsbild durch dicht gepackte feine Filamente; und ein starker kapillarer Feuchtigkeitstransport. Die engen Kanäle zwischen den feinen Filamenten ziehen den Schweißtropfen von der Oberfläche ab und verteilen ihn auf eine große Fläche — diese Dochtwirkung ist der eigentliche Mechanismus hinter dem Feuchtemanagement und der Velours-Wildleder-Haptik der Mikrofaser. Bei profilierten statt einfach runden Querschnitten — im Markt etwa dem gerillten Querschnitt von Coolmax — wird der Effekt zusätzlich verstärkt.

Der Preis: Färberei, Festigkeit und Pilling

Dieselbe Oberfläche macht in der Färberei Ärger. Wegen der großen Oberfläche und der schnellen Diffusion nimmt Mikrofaser den Dispersionsfarbstoff typischerweise 2- bis 5-mal schneller und in größerer Menge auf als konventionelles Polyester; das erhöht die Aufziehgeschwindigkeit (Strike Rate) und das Risiko unegaler Ausfärbungen. Zudem braucht derselbe Farbton mehr Farbstoff, weil das Licht an der großen Oberfläche streut und die Farbe heller erscheinen lässt. Die praktische Antwort sind langsame, kontrollierte Aufheizrampen (etwa 1–2 °C/min), Retarder- und Egalisiermittel sowie HT-HP-Bedingungen um 130 °C.

Auch die Nassechtheiten sinken tendenziell. Überschüssiger, in die Faser gedrückter Farbstoff und die große Desorptionsfläche erleichtern die Thermomigration des Farbstoffs an die Oberfläche; Wasch- und Reibechtheit werden dadurch schwächer. Deshalb ist bei Mikrofaser die reduktive Nachreinigung (reductive clearing) nahezu zwingend; die Farbechtheit wird nach ISO 105-C06 (Waschen), ISO 105-X12 (Reiben) und ISO 105-B02 (Licht) geprüft. Auf der Festigkeitsseite wird das Garn mit feiner werdendem Einzelfilament generell empfindlicher; feine, biegsame Filamente knicken und verhaken sich leicht ineinander, daher steigt die Neigung zu Fussel- und Pillingbildung — diese Neigung wird nach ISO 12945-2 (modifizierte Martindale-Methode) gemessen, die Scheuerbeständigkeit nach ISO 12947-2. Die kapillare Feuchtigkeitstransportleistung wird über den vertikalen Dochteffekt (vertical wicking) und Methoden wie AATCC 195 bewertet.

Kurz gefasst ist Mikrofilament eine Ingenieurarbeit des Abwägens: Sie senken den Denier pro Filament und gewinnen einen Sprung bei Griff, Deckvermögen und Feuchtigkeitsverhalten; im Gegenzug müssen Sie Färberezept, Echtheitsprozess und das Gleichgewicht aus Pilling und Festigkeit diszipliniert führen. Eine gut konstruierte Mikrofaser-Maschenware stellt dieses Gleichgewicht her, indem sie Filamentfeinheit, Querschnittsgeometrie und Ausrüstung gemeinsam einstellt.

Passende Maschenwaren & Garne

Wählen wir gemeinsam die richtige Maschenware für Ihr Projekt.

Wenn die Leitfäden Ihre Frage nicht beantwortet haben, sprechen Sie mit unserem Team; wir planen Flächengewicht und Zusammensetzung nach Ihrem Bedarf.

Kontaktieren Sie uns
  • ISO + OEKO-TEX
  • Innerhalb von 1 Arbeitstag antworten wir Ihnen
FERSAN · PERFORMANCE-MASCHENWARE Gegründet 1982
Muster & Angebot anfragen