Garn & Faser

Recyceltes Polyester (rPET) in der Maschenware

rPET in Maschenware: werkstoffliches und chemisches Recycling, das Prinzip der Rückverfolgbarkeit nach GRS/RCS sowie die Leistungsparität mit Neuware-PET.

8 Abschnitte 5 Begriffe 7 Quellen ~6 Min.

Recyceltes Polyester (rPET) ist die wichtigste Antwort auf die Nachhaltigkeitsnachfrage bei Performance-Maschenware. Das Garn stammt meist aus recycelten PET-Flaschen oder aus Textilabfällen und trägt dieselbe chemische Struktur wie Neuware-Polyester. Richtig hergestellt liefert es deshalb eine Maschenware, die dem Neuware-PET in der Leistung weitgehend gleichwertig ist.

Zwei Recyclingwege: werkstofflich (IV ↓) und chemisch (Neuware-äquivalent).

Werkstoffliches und chemisches Recycling

  • Werkstoffliches Recycling: PET-Flaschen werden gewaschen, gemahlen, aufgeschmolzen und erneut zu Chips oder Garn verarbeitet. Das Verfahren ist verbreitet, energiearm und wirtschaftlich; die Polymerkette kann sich jedoch mit jedem Durchlauf etwas verkürzen, was zu kleinen Schwankungen in Farbe und Festigkeit führen kann.
  • Chemisches Recycling: PET wird bis zu seinen Monomeren abgebaut (Depolymerisation) und neu polymerisiert. Das Verfahren ist teurer und energieintensiver, bietet aber eine Reinheit und Gleichmäßigkeit nahe an der Neuware und kann auch gemischte oder gefärbte Abfälle verwerten.

GRS und RCS: das Prinzip der Rückverfolgbarkeit

Damit eine rPET-Aussage belastbar ist, muss der Rezyklatanteil von der Quelle bis zur fertigen Maschenware rückverfolgbar sein. GRS (Global Recycled Standard) und RCS (Recycled Claim Standard) sind Zertifizierungen, die diese Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette (chain of custody) dokumentieren. GRS umfasst zusätzlich soziale, ökologische und chemische Kriterien, während RCS sich allein auf die Verfolgung des Rezyklatanteils konzentriert.

  • Jedes Glied der Lieferkette (Garn, Strickerei, Färberei/Ausrüstung) muss zertifiziert und über ein Transaktionszertifikat (transaction certificate) mit dem nächsten Glied verbunden sein
  • Der prozentuale Rezyklatanteil wird verfolgt und verifiziert
  • Die Zertifizierung macht die gegenüber dem Endkunden erhobene Aussage „recycelt“ prüfbar

Leistungsparität mit Neuware-PET

Da die Polymerchemie identisch ist, kann hochwertiges rPET-Garn eine Maschenware erzeugen, die dem Neuware-PET in Festigkeit, Feuchtigkeitstransport, Dimensionsstabilität und Farbechtheit praktisch gleichwertig ist. Alle Standardprozesse gelten auch für rPET: Färben mit Dispersionsfarbstoffen, Mikrofaser-Feinheit und DTY-Texturierung. Zu beachten ist vor allem beim werkstofflichen rPET die Gleichmäßigkeit des Rohstoffs: Sauberkeit des Einsatzstroms und Färbekontrolle bestimmen die Farbübereinstimmung innerhalb einer Färbepartie und von Partie zu Partie.

Zusammenfassung für den Einkauf

rPET ist ein praktischer Weg, den CO₂- und Abfall-Fußabdruck ohne Funktionsverlust zu senken. Wer eine solche Aussage einkauft, sollte nach dem Recyclingtyp (werkstofflich/chemisch), der Zertifizierung (GRS oder RCS) und dem verifizierten Rezyklatanteil fragen; das sichert sowohl die Leistung als auch die Integrität der Nachhaltigkeitsaussage.

Vertiefung: Der werkstoffliche Recyclingprozess und seine Grenzen

Werkstoffliches Recycling baut PET chemisch nicht ab; es schmilzt die Flakes und formt sie erneut zu Faser oder Granulat. Deshalb hängt die ganze Geschichte an einer einzigen Größe: der Länge der Molekülkette. Das praktische Maß dieser Länge ist die intrinsische Viskosität (IV). Sie wird in einer Lösung aus Phenol/1,1,2,2-Tetrachlorethan 60/40 mit einem Glaskapillarviskosimeter bestimmt (ASTM D4603, ISO 1628-5) und in dL/g angegeben. Jeder thermische und mechanische Durchlauf senkt diesen Wert etwas; die gesamte rPET-Technik besteht darin, diesen Rückgang zu steuern und bei Bedarf zurückzugewinnen.

Der Ablauf: Waschen, Trocknen und Extrusion

Der Ablauf verläuft so: Sammlung, Sortierung, Mahlen (Flakes), heiße Laugenwäsche (Entfernung von PVA-Klebstoff, Etiketten und Lebensmittelresten), Spülen und Trocknen, Schmelzeextrusion, Schmelzefiltration (Rückhalt von Gelen und festen Verunreinigungen) und schließlich Granulierung oder direktes Spinnen aus der Schmelze. Entscheidend ist Folgendes: PET ist hygroskopisch, und bei Schmelzetemperatur (etwa 280 °C) spaltet die im Material verbliebene Feuchtigkeit die Esterbindung hydrolytisch. Deshalb wird das Material vor der Extrusion typischerweise auf unter etwa 50 ppm Restfeuchte getrocknet; andernfalls beschleunigt jede zusätzliche Feuchtigkeit den Kettenabbau.

Degradation: Kettenspaltung, Acetaldehyd und Vergilbung

Zwei Abbaumechanismen laufen parallel. Die hydrolytische Kettenspaltung (chain scission) wird durch Wasser in der Schmelze ausgelöst, der thermooxidative Abbau durch Sauerstoff und Wärme; beide spalten die Esterbindung, senken die IV und erhöhen die Zahl der Carboxyl-Endgruppen (COOH). Als Nebenprodukt entsteht Acetaldehyd, eine wesentliche Einschränkung bei Lebensmittelkontakt-Anwendungen; bei typischem rPET werden Größenordnungen von etwa 10–80 ppm berichtet, abhängig von Verweilzeit und Temperatur im Extruder. Farbseitig führen wiederholte thermische Behandlung und Kontaminantenreste zur Vergilbung; sie wird im CIE-L*a*b*-System über den b*-Wert gemessen (positives b* zeigt Gelb an, L* die Helligkeit).

Typische IV-Bänder der PET-Stufen und der Einfluss des werkstofflichen Recyclings (Näherungswerte; abhängig von Rohstoff und Prozess)
Material / ZustandTypische IV (dL/g)Anmerkung
Neuware-Harz in Flaschenqualitätetwa 0,72–0,84Hohes Molekulargewicht für Vorformling/Spritzguss
Post-Consumer-Flakes (gewaschen)niedriger als etwa 0,70–0,78Waschhydrolyse und Gebrauchsermüdung senken die IV etwas
Nach Schmelzeextrusion (ohne SSP)weiterer IV-Rückgang pro DurchlaufThermische und mechanische Spaltung wirken kumulativ
Zielwert Faserqualitätetwa 0,55–0,70Stapel-/POY-Spinnen toleriert eine niedrigere IV
Mit SSP wieder aufgebautnahe an NeuwareFestphasen-Kettenverlängerung unterhalb Tm gewinnt die IV zurück

Die IV zurückgewinnen: Festphasen-Nachkondensation (SSP) und Kettenverlängerer

Es gibt zwei Hauptwege, das verlorene Molekulargewicht wieder aufzubauen. Der erste ist die Festphasen-Nachkondensation (SSP, solid-state polycondensation): Granulat oder Flakes werden unterhalb des Schmelzpunkts (Tm etwa 250–260 °C), typischerweise bei etwa 200–220 °C, unter Stickstoffspülung oder Vakuum über eine lange Verweilzeit gehalten. Unter diesen Bedingungen reagieren die Kettenenden erneut und verbinden sich. Die Reaktionsnebenprodukte (Wasser, Ethylenglykol, Acetaldehyd) werden durch den Inertgasstrom oder das Vakuum abgeführt, und die IV steigt in Richtung Neuware-Niveau. Vakuum beschleunigt den Molekulargewichtsaufbau, während die Stickstoffspülung langsamer, in der Industrie aber weit verbreitet ist. Ein sekundärer Nutzen der SSP ist die Dekontamination: Hohe Temperatur und niedriger Druck senken Acetaldehyd und flüchtige, migrierte Inhaltsstoffe und schaffen so die für die Lebensmittelkontaktzulassung nötige Reinheit.

Der zweite Weg sind Kettenverlängerer (chain extender) in der reaktiven Extrusion: multifunktionelle Oligomere mit Epoxidgruppen (etwa die in der Branche verwendeten Styrol-Acryl-Epoxidharze vom Typ Joncryl) oder Dianhydride (etwa Pyromellithsäuredianhydrid, PMDA) verbrücken die COOH- und OH-Enden gebrochener Ketten und heben das Molekulargewicht innerhalb von Sekunden an. Während SSP ein stundenlanger Gleichgewichtsprozess ist, wirkt ein Kettenverlängerer in einem einzigen Durchgang; in der Praxis liefert die Kombination beider das beste Ergebnis, da SSP allein manche Ziel-IV möglicherweise nicht erreicht.

Die inhärenten Grenzen des werkstofflichen Recyclings und die Brücke zum chemischen

Der werkstoffliche Kreislauf hat ehrliche Grenzen. Jeder Durchlauf zieht die IV nach unten und treibt das b* (Vergilbung) nach oben; farblich gemischte Ströme ergeben ein graues, trübes Harz, weshalb gefärbter Textilabfall häufig in geringwertigere Verwendungen (Downcycling) geht statt in hochwertiges klares rPET. Elasthan, Farbstoffe, Beschichtungen und vor allem Baumwollmischungen in Textilien verstopfen die werkstoffliche Prozesslinie; eine Trennung von PET und Baumwolle ist auf werkstofflichem Weg nicht praktikabel. Hier setzt das chemische Recycling an: Glykolyse, Methanolyse, Hydrolyse oder enzymatische Depolymerisation bauen das Polymer bis zu seinen Monomeren ab (BHET, DMT oder TPA + EG) und setzen die Farb- und IV-Historie zurück; das Ergebnis kann Neuware-äquivalent sein. Der Preis sind höherer Energieeinsatz und höhere Kosten, der Gewinn ist die Rückführung genau jener schmutzigen, gemischten und gefärbten Ströme, die das werkstoffliche Verfahren ablehnt. Beide sind keine Konkurrenten, sondern ergänzen einander: saubere Ströme zirkulieren günstig im werkstofflichen Weg, schmutzige Ströme werden im chemischen gerettet.

Rückverfolgbarkeit: GRS / RCS und Verifizierung des Rezyklatanteils

Der Rezyklatanteil ist ebenso eine Aussage zur Lieferkette wie ein Qualitätsparameter, und er muss überprüfbar sein. Geregelt wird er durch zwei Standards von Textile Exchange: den Recycled Claim Standard (RCS) und den Global Recycled Standard (GRS). RCS verfolgt die Inhaltsaussage ab einem Mindestanteil von 5 % recyceltem Input; GRS setzt eine höhere Schwelle (mindestens 50 %) und deckt zusätzlich soziale, ökologische und chemische Anforderungen ab. Kern beider Standards ist die Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette (chain of custody): Die Identität des recycelten Materials wird vom Rohstoff bis zum Fertigprodukt durch Audits unabhängiger Dritter gewahrt und auf jeder Stufe über Transaktionszertifikate (transaction certificate) weitergegeben.

Die praktische technische Konsequenz: Bei der Bewertung von rPET sind zwei Dokumente gemeinsam anzufordern. Das erste ist die technische Identität des Materials (IV, b*, Acetaldehyd, Restfeuchte, Kontaminantenniveau), das zweite der Nachweis des Anteils (GRS-/RCS-Zertifikat und Transaktionszertifikate). Das erste sagt, wie sich die Maschenware verhalten wird, das zweite, dass die Recyclingaussage real ist; ohne beide lässt sich weder eine Qualitäts- noch eine Nachhaltigkeitsaussage verteidigen.

Passende Maschenwaren & Garne

Wählen wir gemeinsam die richtige Maschenware für Ihr Projekt.

Wenn die Leitfäden Ihre Frage nicht beantwortet haben, sprechen Sie mit unserem Team; wir planen Flächengewicht und Zusammensetzung nach Ihrem Bedarf.

Kontaktieren Sie uns
  • ISO + OEKO-TEX
  • Innerhalb von 1 Arbeitstag antworten wir Ihnen
FERSAN · PERFORMANCE-MASCHENWARE Gegründet 1982
Muster & Angebot anfragen