Landkarte der Standards: GRS, RCS, OEKO-TEX, bluesign, ZDHC
Jedes Nachhaltigkeitslabel beantwortet eine andere Frage; ohne zu wissen, welches Label was belegt, lässt sich keine Aussage lesen.
7 Abschnitte 6 Begriffe 8 Quellen ~6 Min.
Im Textilbereich wirken die meisten Labels mit dem Zusatz „nachhaltig“ austauschbar, messen aber völlig unterschiedliche Dinge. Die einen bestätigen, ob ein Material recycelt ist, andere prüfen, ob eine fertige Maschenware frei von gesundheitsschädlichen Substanzen ist, wieder andere auditieren den Chemikalieneinsatz oder die Arbeitsbedingungen eines Betriebs. Eine belastbare Beschaffungsentscheidung beginnt damit, zu unterscheiden, welche Frage ein Label beantwortet.
Zwei Grundachsen: Produkt oder Prozess
Am stabilsten ist es, Standards gedanklich auf zwei Achsen zu verorten. Die erste Achse ist die produktbasierte Verifizierung: geprüft wird der Inhalt einer Maschenware (Rezyklatanteil) oder ihr Output (Chemikalienrückstände). Die zweite Achse ist die prozessbasierte Verifizierung: auditiert werden die in den Betrieb eingehenden Chemikalien, der Wasser- und Energieverbrauch sowie die sozialen Bedingungen. Manche, etwa GRS, decken beide Achsen ab, während RCS nur den Inhalt betrachtet und ZDHC nur die Eingangschemie. Entscheidend ist nicht, ob ein Standard „besser“ ist, sondern welchen Geltungsbereich er hat.
GRS und RCS: zwei Mitglieder derselben Familie
Beide werden von Textile Exchange verwaltet und verifizieren den Rezyklatanteil über eine Chain of Custody (Rückverfolgbarkeitskette) durch Dritte; der Unterschied liegt im Geltungsbereich. RCS (Recycled Claim Standard) ist ein Ein-Merkmal-Standard: Er verfolgt ausschließlich den Rezyklatanteil und dessen Weg entlang der Lieferkette; soziale, ökologische oder chemische Kriterien enthält er nicht. RCS ist ab 5 % recyceltem Material anwendbar; das Label „Recycled 100“ bedeutet 95–100 %, „Recycled Blended“ dagegen 5–95 % Anteil.
GRS (Global Recycled Standard) ergänzt RCS um drei weitere Ebenen: soziale Verantwortung (Arbeitnehmerrechte), Umweltmanagement (Wasser, Energie, Abfall) und Anforderungen an Chemikalienbeschränkungen. GRS verlangt für den Business-to-Business-Einsatz (B2B) mindestens 20 % Rezyklatanteil; um auf dem Produkt ein verbrauchergerichtetes Label „GRS-zertifiziert“ anzubringen, steigt diese Schwelle auf mindestens 50 %. „GRS“ sagt an einer Maschenware also sowohl etwas über das Rezyklat als auch darüber, dass dieses Rezyklat unter verantwortlichen Bedingungen entstanden ist; „RCS“ nennt allein den Rezyklatanteil.
OEKO-TEX: ein Name, drei verschiedene Zertifikate
OEKO-TEX ist kein einzelnes Zertifikat, sondern eine Familie, und diese drei werden am häufigsten verwechselt. STANDARD 100 ist ein Produktzertifikat, das prüft, ob das fertige Erzeugnis — jede Komponente eingeschlossen, also Garn, Maschenware und Knöpfe — die Grenzwerte für Schadstoffe einhält; es teilt Produkte in vier Produktklassen ein. STeP (Sustainable Textile & Leather Production) auditiert nicht das Produkt, sondern den Betrieb: Chemikalienmanagement, Umweltleistung, Arbeitsschutz und soziale Bedingungen. MADE IN GREEN setzt beides zugleich voraus und ist ein rückverfolgbares Verbraucherlabel; es garantiert, dass ein Produkt nach STANDARD 100 geprüft und in einem STeP-zertifizierten Betrieb hergestellt wurde.
Die Produktklassen von STANDARD 100 werden mit der Dauer des Hautkontakts strenger. Produktklasse I (Babys und Kinder unter 3 Jahren) ist die strengste; für freies und teilweise freisetzbares Formaldehyd liegt der typische Grenzwert etwa bei ≤20 mg/kg, während er in Produktklasse II mit direktem Hautkontakt lockerer gehalten ist (rund ≤75 mg/kg). Produktklasse III gilt für Bekleidung mit begrenztem Hautkontakt, Produktklasse IV für Ausstattungsmaterialien (Dekorationstextilien). Die vollständige Liste der Grenzwerte wird mit der jeweils gültigen Ausgabe des Standards aktualisiert; dieselbe Maschenware muss je nach Verwendungszweck in einer anderen Produktklasse zertifiziert werden.
bluesign und ZDHC: die Chemie an der Quelle stoppen
Der Ansatz von bluesign und ZDHC richtet sich darauf, Chemikalien zu steuern, bevor sie in die Lieferkette gelangen, statt Rückstände im fertigen Produkt zu suchen — das nennt sich Eingangsstrom-Management (input stream management). bluesign deckt die gesamte Lieferkette ab und führt vorbewertete, freigegebene Chemieprodukte in einer öffentlich zugänglichen Datenbank (bluesign FINDER bzw. bluefinder); zugleich hält es verbotene Substanzen nach dem Vorsorgeprinzip in eigenen Systemlisten (BSSL, BSBL, RSL). So kann ein Hersteller vor dem Einsatz abfragen, welche Chemikalie freigegeben und welche verboten ist. ZDHC wiederum ist keine Organisation, sondern eine Gemeinschaftsinitiative, und ihr zentrales Werkzeug ist die MRSL (Manufacturing Restricted Substances List) — eine Liste von Chemikalien, deren bewusster Einsatz im Betrieb untersagt ist.
Der Unterschied zwischen MRSL und RSL (Restricted Substances List) ist entscheidend: Eine RSL nennt die im fertigen Produkt zulässigen Rückstandsgrenzen (Output-orientiert), die MRSL beschränkt dagegen die in der Produktion einsetzbare Chemikalie selbst (Input-orientiert). ZDHC vergibt für chemische Formulierungen drei Konformitätsstufen: Stufe 1 Dokumentenprüfung und analytische Prüfung, Stufe 2 eine Vor-Ort-Bewertung des Managementsystems (zusätzlich zu den Bedingungen der Stufe 1), Stufe 3 die Fähigkeit zur chemischen Gefahrenbewertung (zusätzlich zu den Bedingungen der Stufen 1 und 2) — die Stufen sind kumulativ, Stufe 3 gibt die höchste Sicherheit, und bluesign-freigegebene Produkte sind dieser Stufe zugeordnet.
Higg/Cascale MSI: kein Label, sondern ein Messwerkzeug
Der Higg Materials Sustainability Index (MSI) ist ein von Cascale (früher Sustainable Apparel Coalition) verwaltetes Bewertungswerkzeug auf Grundlage von Lebenszyklusdaten (LCA), kein Zertifikat. Mit dem Ansatz von der Wiege bis zum Werkstor (cradle-to-gate) bewertet er die Umweltwirkung (Klima, Wasser, fossile Brennstoffe und weitere) von der Rohstofferzeugung bis zu dem Punkt, an dem das Material montagefertig ist. Er stellt einer Maschenware kein Bestanden/Nicht-bestanden-Urteil aus; er erlaubt Ihnen, verschiedene Material- und Prozessentscheidungen zu vergleichen. Deshalb ist der MSI nicht als Beschaffungskriterium zu lesen, sondern als Entscheidungshilfe in der Entwurfsphase.
Massenbilanz oder physische Trennung: die wahre Sprache einer Aussage
Beim Lesen einer Rezyklat-Aussage ist die technischste Frage die nach dem Chain-of-Custody-Modell. Bei der physischen Trennung (physical segregation) wird zertifiziertes Material nicht physisch mit nicht zertifiziertem Material derselben Art vermischt; GRS und RCS nutzen dieses Modell und erlauben daher produktspezifische, präzise Aussagen wie „50 % dieser Maschenware sind recycelt“. Im Modell der Massenbilanz (mass balance) dürfen zertifizierte und nicht zertifizierte Inputs physisch vermischt werden, die Trennung besteht allein in der Buchführung — hier sind lediglich aggregierte, unbestimmte Aussagen möglich, etwa „wir setzen X % recyceltes Material ein“. Beides ist nicht dasselbe; beim Lesen eines Lieferantendokuments nach dem geltenden Modell zu fragen, bestimmt das Gewicht der Aussage.
| Standard / Werkzeug | Was belegt wird | Fokus (Produkt/Prozess) | Mindestschwelle / Modell | Chain of Custody |
|---|---|---|---|---|
| RCS (Textile Exchange) | Nur Rezyklatanteil | Produkt-Inhalt | ≥5 %; Recycled 100 ≥95 % | Physische Trennung |
| GRS (Textile Exchange) | Rezyklat + sozial + ökologisch + chemisch | Produkt + Prozess | ≥20 % (B2B), ≥50 % (Label) | Physische Trennung |
| OEKO-TEX STANDARD 100 | Schadstoffgrenzwerte im fertigen Produkt | Produkt-Output | 4 Produktklassen (I–IV) | Keine (Produktprüfung) |
| OEKO-TEX STeP | Umwelt-, Chemie- und Sozialbedingungen des Betriebs | Prozess-Betrieb | Modulbasierte Punktzahl | Keine (Betriebsaudit) |
| OEKO-TEX MADE IN GREEN | STANDARD 100 + STeP + Rückverfolgbarkeit | Produkt + Prozess | Beide Zertifikate erforderlich | Rückverfolgbares Label |
| bluesign | Eingangsstrom-Chemie der Lieferkette | Prozess-Input | Datenbank freigegebener Produkte (bluefinder) | Gesamte Lieferkette |
| ZDHC MRSL | In der Produktion verbotene Eingangschemikalien | Prozess-Input | Konformitätsstufe 1–3 | Eingangsformulierung |
| Higg/Cascale MSI | Umweltwirkung (LCA-Punktzahl) | Produkt-Entwurf | Von der Wiege bis zum Werkstor, keine Schwelle | Keine (Messwerkzeug) |
Praktische Lektüre: ein Lieferantendossier entschlüsseln
- Bei einer Rezyklat-Aussage: GRS oder RCS? GRS deckt auch die soziale und ökologische Ebene ab, RCS nur den Inhalt. Fragen Sie nach dem Anteil (20 %/50 %) und danach, ob physische Trennung oder Massenbilanz gilt.
- Geht es um Gesundheit und Hautverträglichkeit: OEKO-TEX STANDARD 100 und welche Produktklasse (Babys = Produktklasse I, die strengste).
- Geht es um die Produktionsverantwortung: STeP, bluesign und/oder die ZDHC-MRSL-Stufe — diese auditieren Betrieb und Chemie, nicht den Produktinhalt.
- Sind Produkt, Prozess und Rückverfolgbarkeit in einem einzigen Label gefragt: zusammengesetzte Standards wie MADE IN GREEN oder GRS füllen diese Lücke.
- Für Vergleichs- und Entwurfsentscheidungen: Higg/Cascale MSI ist kein Label, sondern eine Punktzahl zur Materialauswahl; als Marketingargument eingesetzt, ist er irreführend.