Produktion & Maschinen

Vor dem Garn: Wie Polyester-Stapelfaser (PSF) hergestellt wird

Hinter dem gesponnenen Garn steht eine eigene Industrie: Schmelzspinnen, Sammeln zum Spinnkabel, Verstrecken, Kräuseln in der Stauchkammer, Schneiden auf Länge. Ein ehrlicher technischer Blick auf den Unterschied zwischen Virgin-PSF und recycelter PSF (aus Flaschenflakes) sowie auf die silikonisierte Hohlprofil-Bikomponenten-Füllfaser.

7 Abschnitte 4 Begriffe 8 Quellen ~4 Min.

Ganz abseits der Filamentgarn-Welt (POY/FDY/DTY) steht eine zweite große Polyesterfamilie: die Stapelfaser — kurze, auf eine definierte Länge geschnittene Fasern. Sie verhält sich wie Baumwolle, wird wie Baumwolle versponnen und mit Baumwolle gemischt. Hier trennen sich die zwei möglichen Ursprünge einer Maschenware: die glatte, feste, pillingarme Oberfläche, die aus Endlosfilament gestrickt wird, gegenüber der texturierten Oberfläche mit Baumwollgriff, die aus Stapelfaser gesponnen wird. Die PSF-Herstellung ist eine eigene Industrie, die noch vor dem Garn beginnt — bei der Physik der Schmelze.

Fünf Stufen: Schmelzspinnen, Spinnkabel, Verstrecken, Kräuseln, Schneiden

Die PSF-Linie ist eine feste Kette aus fünf Stufen. (1) Schmelzspinnen: Wie beim Filament wird die PET-Schmelze durch vielfach gelochte Spinndüsen (spinneret) gepresst, doch hier sind nicht einzelne Spulen das Ziel, sondern das Sammeln von Zehntausenden Filamenten zu einem einzigen dicken Bündel. (2) Dieses Bündel — das Spinnkabel (tow) — wird in Kannen abgelegt. (3) Das Spinnkabel wird auf beheizten Galetten typischerweise im Verhältnis ~3:1 bis ~4:1 verstreckt; dabei richten sich die Moleküle aus und die Festigkeit steigt. (4) Kräuselung: Das Spinnkabel wird in eine Stauchkammer (stuffer box) gedrückt und erhält eine Zickzack-Kräuselung, die thermisch fixiert wird — die Kräuselung sorgt dafür, dass die Fasern aneinander haften und später versponnen werden können. (5) Schneiden: Das gekräuselte Spinnkabel wird auf die Ziel-Stapellänge geschnitten (typisch 32 / 38 / 51 / 64 mm; je nach Baumwoll- oder Wollsystem). Für eine tiefere Darstellung der Chemie der Schmelze und der Spinnphysik siehe unsere Leitfäden zu PET-Polymer/IV und zum Schmelzspinnen (POY/FDY); hier liegt der Fokus auf der Kurzfaserform, nicht auf der Form nach dem Filament.

Die Feinheit (dpf) bestimmt die Aufgabe der Faser

Der stärkste einzelne Konstruktionshebel ist Denier pro Filament (dpf) — die Feinheit der einzelnen Faser. Feine Fasern ergeben einen weicheren, baumwollähnlichen Griff und ein besseres Deckvermögen; grobe Fasern ergeben Volumen und Elastizität. Typische/repräsentative Bänder: ~1,0–1,5 dpf für Bekleidungs-Maschenware mit Baumwollgriff; ~3–7 D für Vliesstoffe (nonwovens); ~7–20 D für Kissen- und Bettdeckenfüllung. Die Festigkeit wird repräsentativ mit ~3,5–4,5 g/Denier angegeben, die Bruchdehnung mit ~40–60 %; das sind Branchenwerte, kein genormter Code.

Warum die Stauchkammerkräuselung wichtig ist

Filamentgarn hält für sich genommen ausreichend zusammen und braucht keine Kräuselung; die Stapelfaser dagegen braucht ein Verhaken der Fasern untereinander, bevor sie versponnen wird. Die Stauchkammer erzeugt genau diese mechanische Kräuselung. Kräuselzahl und Kräuselbeständigkeit (durch Thermofixieren gesichert) bestimmen die Kardierbarkeit der Rohfaser, die Bauschigkeit des Garns und den Griff im Endprodukt. Deshalb misst sich die „Qualität“ einer PSF nicht nur an der Feinheit, sondern auch an der Kräuselgeometrie.

Von der Schnittfaser zum Garn: Kurzstapel-Spinnen

Die geschnittene PSF durchläuft die klassische Kurzstapel-Spinnkette (short staple): Putzerei (blowroom) → Karde → Strecke → Flyer → Spinnen. Das Spinnsystem bestimmt den Charakter des Garns — Ring/Kompakt liefert das festeste und glatteste Garn, Rotor (Open-End) das bauschigere und wirtschaftlichere, Luftdüse/Vortex geringe Haarigkeit und geringes Pilling. Wie diese Systeme im Detail auf das Pillingverhalten wirken, behandeln unser Leitfaden zu Pilling- und Scheuerbeständigkeit sowie unsere Inhalte zur Qualitätsprüfung von Maschenware.

Reale OEMs

Bei großtechnischen PSF-Linien ist Oerlikon Neumag die westliche Referenz; die Baureihe Staple FORCE wird typischerweise für Linien im Bereich ~5–300 t/Tag ausgelegt (z. B. die Klasse Staple FORCE S 1000 mit Trockengalettenverstreckung, repräsentativ ~15 t/Tag). Auf der Seite der recycelten Stapelfaser (rPSF) liefert BoReTech (taiwanischen Ursprungs, heute in China ansässig) schlüsselfertige Linien vom Flaschenflake zur Faser; die typische/repräsentative Linienkapazität liegt bei ~15–100 t/Tag. Bei den Kurzstapel-Spinnmaschinen sind Rieter (Ring G 38, Kompakt K 48, Rotor R 70, Luftdüse J 26), Saurer Schlafhorst (Autocoro 11, automatisiertes Rotorspinnen) und Murata/Muratec (VORTEX 870 EX) die Referenznamen der Branche. Das sind reale Seriennamen, keine anlagenspezifischen Kapazitätsaussagen.

Virgin-PSF oder recycelte PSF (rPSF)?

Die beiden Wege ähneln sich im Endprodukt, unterscheiden sich aber in Beschaffung und Dokumentation. Virgin-PSF entsteht aus PET-Schmelze der ersten Verwendung, hergestellt aus PTA + MEG; Farb- und Partiekonstanz sind hoch, die Rückverfolgbarkeit ist einfach. Recycelte PSF stammt aus Post-Consumer-PET-Flaschenflakes (werkstoffliches Recycling): Die Flakes werden gewaschen, aufgeschmolzen und neu versponnen. Das Färbeverhalten liegt chemisch sehr nahe am Virgin-Material, doch die Natur des Rohstoffeintrags verlangt ein Management der Farb- und Partieschwankung und — kritisch — eine GRS/RCS-Dokumentation der Lieferkette (chain of custody). Die Unterscheidung von werkstofflichem und chemischem Recycling sowie die Mikroplastik- und Nachhaltigkeitsaspekte behandeln unsere Leitfäden zu recyceltem Polyester (rPET).

Virgin-PSF gegenüber recycelter PSF (rPSF) — repräsentativer Vergleich
DimensionVirgin-PSFRecycelte PSF (rPSF)
RohstoffeintragPET der ersten Verwendung (PTA + MEG)Post-Consumer-PET-Flaschenflakes
Typisches OEM-BeispielOerlikon Neumag Staple FORCESchlüsselfertige rPSF-Linie von BoReTech
Farb- / PartiekonstanzHoch, leicht beherrschbarVariabler; rohstoffbezogene Steuerung nötig
Färbeverhalten (Dispersionsfarbstoff)Standard, vorhersehbarSehr nahe am Virgin-Material; empfindlich gegenüber Rohstoffschwankung
Erforderliche DokumentationStandard-QualitätszeugnisseGRS-/RCS-Lieferkettennachweis verpflichtend
Typische Feinheit (dpf)~1,0–1,5 (Bekleidung) · 3–20 (Vliesstoff/Füllung)Ähnlicher Bereich; abhängig von der Rohstoffqualität

Sonderfall: silikonisierte Hohlprofil-Bikomponenten-Füllfaser (HCS)

Die Faser in Kissen-, Bettdecken- und Jackenfüllungen ist keine Bekleidungs-PSF mit vollem Querschnitt; sie ist silikonisierte Hohlprofil-Bikomponentenfaser (HCS). „Hohl“ heißt, dass die Faser in ihrer Mitte Lufthohlräume aufweist — das bringt Wärmedämmung und Leichtigkeit je Masseeinheit. „Bikomponente“ heißt, dass zwei verschiedene PET-Komponenten Seite an Seite gesponnen werden und so eine dauerhafte Spiralkräuselung (federähnlich) entsteht — Rückstellvermögen und Volumengedächtnis stammen aus dieser Kräuselung. „Silikonisiert“ heißt, dass die Oberfläche mit einem Silikongleitmittel beschichtet ist; die Fasern gleiten übereinander und es entsteht jener weiche, bauschige „Fiberfill“-Griff. Die typische/repräsentative Feinheit liegt in dieser Anwendung im Band ~7–20 D. Wie die Querschnittsgeometrie (hohl, multilobal, dreikanalig) auf die Faserleistung wirkt, behandelt unser Leitfaden zum Faserquerschnitt.

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