Produktion & Maschinen

Jenseits der Rundstrickerei: Kettenwirkerei und Weberei

Zur Polyesterware führen drei Wege; die Rundstrickerei (Kulierware), die die meisten Maschenwaren-Lieferanten kennen, ist nur einer davon. Die Kettenwirkerei (Tricot/Raschel, weltweit von KARL MAYER dominiert) und die Weberei (Wasserdüsen- und Luftdüsen-Webmaschinen) übernehmen bei Futter, Mesh, Spitze, Automotive- und technischen Geweben — dieser Leitfaden zeigt, wann welcher Weg gewinnt, und vergleicht Kulierware, Kettenwirkware und Gewebe.

4 Abschnitte 3 Begriffe 10 Quellen ~4 Min.

Nachdem 100 % Polyesterfilament aus der Schmelze zum Garn gesponnen wurde, kann es über drei verschiedene Geometrien zur Fläche werden. Die vertrauteste ist die Rundstrickerei (Kulierware), die Basis der meisten Familien auf dieser Website: Ein einzelner Faden bildet an nebeneinanderliegenden Nadeln nacheinander Maschen und läuft so über die Breite. Das ist jedoch nur ein Drittel der Geschichte. In der Kettenwirkerei hat jede Nadel ihren eigenen Kettfaden, und die Maschen verketten sich in Längsrichtung (im Maschenstäbchen, wale). Beim Gewebe kreuzen sich zwei rechtwinklige Fadensysteme — Kette und Schuss — über- und untereinander. Ändert sich die Geometrie, ändern sich Dehnung, Stabilität, Geschwindigkeit und Kosten grundlegend.

Drei Flächenbildungs-Geometrien für Polyesterfilament: Kulierware, Kettenwirkware und Gewebe.

Kettenwirkerei: die schnellste Flächenbildung der Textilindustrie

Die Kettenwirkerei (warp knitting) ist die schnellste Flächenbildung der Textilindustrie: Hunderte Nadeln legen in jedem Zyklus gleichzeitig Maschen, statt zu warten, bis ein einzelner Faden die gesamte Breite durchläuft. Es gibt zwei große Familien. Tricot arbeitet mit wenigen Legebarren (typisch 2–4) und erzeugt feine, glatte, laufmaschenfeste Ware — der natürliche Weg für Futter, Badebekleidung, Shapewear und leichtes Mesh. Raschel arbeitet mit deutlich mehr Barren (typisch 4 bis rund 78) und wirkt Spitze, Netz sowie — auf Doppelnadelbarren-Maschinen der Reihen RD/HighDistance — Abstandsgewirke (3D-Spacer). Ein wichtiger Vorteil: Die Kettenwirkerei erfordert zwar eine Kettvorbereitung, aber kein Schlichten — das Filament scheuert nicht am Riet.

In der Welt der Kettenwirkerei ist der weltweit dominierende Hersteller das deutsche Unternehmen KARL MAYER (Obertshausen). Auf der Tricot-Seite ist die Baureihe HKS die Referenz (typische Feinheiten ~E28–E50 und große Arbeitsbreiten); die Reihe HKS 2-SE erreicht nach Angaben von KARL MAYER bis zu rund 4.400 U/min — das macht den Anspruch der „schnellsten Flächenbildung“ greifbar. Auf der Raschel-Seite bedienen einbarrige RSE/RSJ-Maschinen Spitze und Netz, während die Doppelnadelbarren-Maschinen RD 6 / RD 7 und die HighDistance-Familie Abstandsgewirke herstellen. Die RD 7/2-12 EL etwa hat eine Arbeitsbreite in der Größenordnung von 138 Zoll (3505 mm), und Doppelnadelbarren-Raschelmaschinen laufen typisch mit ~700–850 Maschenreihen/min. Für Schmalgewebe und Häkelgalon (Elastikband, Webband) bilden Jakob Müller / COMEZ ein eigenes Ökosystem.

Weberei: warum Polyesterfilament die Wasserdüse liebt

Der natürliche Webweg für Polyesterfilament ist die Wasserdüsen-Webmaschine. Das hydrophobe Filament wird durch den schusstragenden Wassertropfen nicht geschwächt und trocknet schnell. Das macht Futter, Taft, Mikrofaser, Schirmgewebe und Wäschegewebe sehr schnell und kostengünstig herstellbar. Auf Wasserdüsen-Webmaschinen liegt die Schusseintragsleistung häufig über 1.500 m/min — das Verfahren arbeitet jedoch nur mit Filament; hydrophiles Stapelfasergarn lässt sich mit der Wasserdüse nicht verweben. Für ein breiteres Spektrum (Stapelfasergarne plus technische Gewebe) dient die Luftdüsen-Webmaschine; sie erreicht 1.000–1.300+ Schuss/min, verbraucht aber mehr Energie. Die Weberei erfordert ihre eigene Vorbereitungskette — Schären und (bei Stapel- und Mischgarnen) Schlichten.

Auf der Wasserdüsen-Seite ist die Baureihe Tsudakoma ZW die Referenz; im Volumensegment ist der chinesische Hersteller Haijia stark. Auf der Luftdüsen-Seite stehen Toyota JAT, Tsudakoma ZAX, Picanol OmniPlus, Itema und Lindauer Dornier im Vordergrund. Für Kettvorbereitung und Schlichten kommen Maschinenbauer wie Benninger ins Spiel. Für einen Textileinkäufer lautet die praktische Folgerung: Wenn Sie einen flachen, stabilen, dehnungsarmen Polyester mit gutem Fall suchen (Futter, Hemdentaft, Träger für technische Membranen), dann sehen Sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Webweg an — und dasselbe Garn sowie dieselbe Dispersionsfärberei können auch diesen Weg bedienen.

Welcher Weg gewinnt wann?

  • Futter / Shapewear / leichtes Mesh: Tricot-Kettenwirkware — glatt, laufmaschenfest, fein und dimensionsstabil.
  • Spitze / Netz / Tüll: Raschel-Kettenwirkware — die Mustertechnik mit vielen Legebarren ist für echtes Dreiecksnetz und für Spitze zwingend.
  • 3D-Abstandsgewirke (Autositz, orthopädische Polster, atmungsaktive technische Füllung): Doppelnadelbarren-Raschel (RD/HighDistance) — Abstand typisch ~2–15 mm; weder Weberei noch Kulierware können diese Struktur in einem Stück herstellen.
  • Futtertaft / Mikrofaser / Schirmgewebe / dehnungsarme Hemdenware: Wasserdüsen-Weberei — die Hydrophobie des Filaments bringt Geschwindigkeit und niedrige Kosten.
  • Stapelfasergarn oder technische Gewebe (breites Spektrum): Luftdüsen-Weberei — flexibler, aber energieintensiver.
  • Dehnung, Rückstellung und weicher Griff im Vordergrund (T-Shirt, Sport, Wäsche-Maschenware): Rundstrickerei (Kulierware) — hier lebt der Großteil der Maschenwarenfamilien dieser Website.

Alle drei Wege teilen dieselbe vorgelagerte Technik. Die intrinsische Viskosität (IV) des Garns, sein Glanz und der POY/FDY/DTY-Charakter (Themen unserer Leitfäden zu intrinsischer Viskosität, Schmelzspinn-Physik und Texturierung) bestimmen Griff und Haltbarkeit, in welche Geometrie das Garn auch eingeht; die Dispersionsfärbung erfolgt weiterhin bei ~130 °C (siehe unseren Leitfaden zur HT-Dispersionsfärbung), und Endbreite sowie Schrumpf werden weiterhin am Spannrahmen fixiert. Die Wahl der Geometrie ist der letzte große Hebel für das Verhalten der Ware — Dehnung, Stabilität, Luftdurchlässigkeit und Festigkeit.

Kulierware · Kettenwirkware · Gewebe im Vergleich

Repräsentativer Vergleich der drei Flächenbildungswege (Werte typisch; Normen dort angegeben, wo zutreffend).
MerkmalRundstrickware (Kulierware)Kettenwirkware (Tricot/Raschel)Gewebe
Maschen-/FadenrichtungEin Faden bildet Maschen über die BreiteJede Nadel mit eigenem Kettfaden, Masche in Längsrichtung (Maschenstäbchen, wale)Kette + Schuss kreuzen sich rechtwinklig
Typischer Maschinen-OEMMayer & Cie., Terrot, Pai LungKARL MAYER (HKS, RSE/RSJ, RD)Tsudakoma (ZW Wasserdüse / ZAX Luftdüse), Toyota, Picanol
GeschwindigkeitscharakterMittel (SF ~1.000–1.500, typisch)Am höchsten (HKS 2-SE ≤~4.400 U/min)Wasserdüse Schuss >1.500 m/min; Luftdüse 1.000–1.300+ Schuss/min (typisch)
Dehnung / RückstellungHoch (natürliche Maschendehnung)Niedrig bis mittel, richtungsabhängig; laufmaschenfestAm niedrigsten; stabil, dehnungsarm, mit gutem Fall
DimensionsstabilitätMittel (Risiko von Verdrehung nach ISO 16322-2 sowie von Barré)Hoch (gewebeähnlich stabil)Am höchsten
Typische EndanwendungT-Shirt, Sportbekleidung, Wäsche, HeimtextilienFutter, Badebekleidung, Shapewear, Spitze, Netz, 3D-AbstandsgewirkeFuttertaft, Mikrofaser, Schirmgewebe, Technik/Automotive
VorbereitungsbedarfGering (direkt aus dem Garn)Kettvorbereitung (kein Schlichten)Schären + (bei Stapelfaser) Schlichten
Qualitäts-/PrüfnormASTM D5430 (4-Punkte-System)ASTM D5430 (4-Punkte-System)ASTM D5430 (4-Punkte-System)

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