Maschenfehler: Verdrehung, Barré und Löcher — Ursache und Kontrolle
Maschenfehler wie Verdrehung, Barré, Loch/Nadelstreifen und Slub sind nicht zufällig; jeder hat eine rückverfolgbare Ursache im Garn, in der Maschineneinstellung oder in der Ausrüstung. Positive Fadenzuführung, korrekte Feinheit, Thermofixieren im Spannrahmen und die Warenschau nach dem 4-Punkte-System verhindern oder erfassen diese Fehler.
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Ein Warenfehler ist nie nur ein einzelner Makel; er ist ein Signal aus einer Stufe der Produktionskette. In Maschenware aus 100 % Polyester entstehen die vier häufigsten Fehlerfamilien — Verdrehung (Spirality), Barré (Streifigkeit in Länge oder Breite), Loch/Nadelstreifen/Fallmasche sowie Slub (Verdickung) — in unterschiedlichen Stufen: im Garn, auf der Strickmaschine oder in Färberei und Ausrüstungslinie. Dieser Leitfaden verfolgt jeden Fehler bis zur Ursache und zeigt vier Kontrollhebel: positive Fadenzuführung über Positivfournisseure (Speicherfournisseure), korrekte Feinheit und Maschenlänge, Thermofixieren im Spannrahmen und die Warenschau nach dem 4-Punkte-System gemäß ASTM D5430. Warum Polyester bei rund 130 °C mit Dispersionsfarbstoffen gefärbt wird, wie das Garn texturiert wird und was der Spannrahmen leistet, behandeln wir in eigenen Leitfäden (Dispersionsfärben, DTY-Texturierung, Spannrahmen/Thermofixieren); hier liegt der Fokus darauf, wo diese Fehler entstehen und wie sie kontrolliert werden.
Verdrehung: Restdrehmoment und Balance bei Single Jersey
Verdrehung (Spirality bzw. Skew) bezeichnet das Abweichen der Maschenreihen aus dem rechten Winkel nach der Wäsche: Single-Jersey-Ware dreht sich spiralförmig. Sichtbar wird das als Nahtverzug und verzerrtes Druckbild. Die Ursache ist meist das Restdrehmoment des Garns: In der einzylindrigen Single-Jersey-Struktur fehlt den Maschen eine gegenüberliegende Rippscheibe (Nadelscheibe), an der sie unausgeglichene Drehenergie abbauen könnten. Entscheidend sind der SET-/NON-SET-Zustand des texturierten Garns (NON-SET-DTY mit hohem Restdrehmoment erhöht die Verdrehung), die Drehrichtung des Garns und die Strickspannung. Die Kontrolle beginnt bei der Garnwahl (SET-DTY, ausgewogene S/Z-Balance); doppelflächige Strukturen (Rippware/Interlock) sind strukturell ausgeglichen und zeigen nahezu keine Verdrehung. In der Ausrüstung ist das Thermofixieren im Spannrahmen die stärkste Korrektur: Die PET-Molekülketten rekristallisieren bei rund 180–210 °C (typisch) und fixieren die Maschengeometrie; der Auslaufwinkel am Spannrahmen wird kontrolliert eingestellt, um den Restverzug zu senken. Gemessen wird die Verdrehung nach AATCC 179 / ISO 16322; das kommerzielle Ziel liegt meist bei ≤ 5 % nach der Wäsche (repräsentativ).
Barré: Streifigkeit aus Garn und Färbung
Als Barré bezeichnet man feine, wiederkehrende Querstreifen (mitunter Längsstreifen) über die Ware; sichtbar wird das Muster meist erst nach dem Färben — deshalb ist Barré der tückischste Fehler. Die Ursachen liegen auf zwei Ebenen. Erstens garnseitig: Garne aus verschiedenen Partien oder Losen mit leicht abweichendem Titer, abweichender Drehung, abweichender intrinsischer Viskosität (IV) oder Texturierhistorie nehmen den Dispersionsfarbstoff unterschiedlich stark auf. Zweitens maschinen- und zuführungsseitig: schwankende Fadenspannung oder uneinheitliche Maschenlänge erzeugen Schwankungen in der Warendichte. Bei Polyester legt Barré Unterschiede in der Affinität zum Dispersionsfarbstoff schonungslos offen. Die primäre Kontrolle ist die positive Fadenzuführung über Positivfournisseure: Geräte von Memminger-IRO, BTSR oder LGL geben jeder Masche eine feste Fadenlänge und unterdrücken spannungsbedingtes Barré. Die zweite Verteidigungslinie ist diszipliniertes Losmanagement — eine Färbepartie wird nur aus einem einzigen Produktionslos beschickt. Bei verdächtigen Garnen fängt eine Vorprüfung von IV und Farbstoffaffinität das Risiko früh ab.
Loch, Nadelstreifen und Fallmasche
Diese Gruppe mechanischer Fehler stammt direkt von Nadeln und Platinen der Strickmaschine. Ein Loch ist meist ein Fadenbruch oder eine verbogene beziehungsweise gebrochene Nadelzunge, die den Faden durchtrennt. Ein Nadelstreifen (needle line) ist eine offene Linie in Längsrichtung — die Signatur einer einzelnen beschädigten, verbogenen oder falsch sitzenden Nadel. Eine Fallmasche (drop stitch) entsteht dort, wo die Nadel den Faden nicht sauber hält — meist durch unzureichende Fadenzuführung, falsche Schlosseinstellung oder schwache Platinenbewegung. Ursachen: verschlissene Nadeln, die planmäßig gewechselt werden müssen (Nadeln und Platinen zum Beispiel von Groz-Beckert), falsche Fadenspannung, unzureichende Strickölversorgung oder Reinigung sowie ein Hallenklima außerhalb der Vorgabe (typisch rund 60–65 % relative Luftfeuchte, 24–26 °C). Die Kontrolle ist präventiv: Die positive Fadenzuführung hält die Spannung konstant, geplante Nadel- und Platinenwartung verhindert Brüche, und optische Inline-Fadenwächter (Abstellautomatik) stoppen die Maschine sofort beim Bruch und verhindern Meter fehlerhafter Ware. Was dennoch durchrutscht, wird am Warenschautisch mit dem 4-Punkte-System gefasst.
Slub und garnbedingte Ungleichmäßigkeiten
Ein Slub ist eine örtliche Verdickung oder Ungleichmäßigkeit des Garns und zeigt sich in der Ware als punktuelle Erhebung oder Streifen. In Filamentpolyester sind echte Slubs vergleichsweise selten; sie treten eher in Stapelfasergarnen (spun) auf — durch Ungleichmäßigkeiten beim Ring-, Rotor- oder Luftdüsenspinnen (vortex) — oder durch Fehler bei Texturierung und Verwirbelung, durch Ölflecken oder Ansammlungen von Faserflug. Die Ursache ist die Garnungleichmäßigkeit (Uster-Ungleichmäßigkeitsprofil) oder eine unbeständige Verteilung der Verwirbelungsknoten. Die Kontrolle liegt in der Qualitätsabnahme des eingehenden Garns (Gleichmäßigkeit, Dünn- und Dickstellen, Neps-Prüfung), in der Prozessstabilität auf der Spinn- und Texturierseite sowie in Sauberkeit und Faserflugmanagement in der Halle. Slubs sind während des Strickens schwer zu erkennen; die eigentliche Erfassung erfolgt erneut in der Warenschau.
Vermeiden und erfassen: vier Hebel
- Positive Fadenzuführung über Positivfournisseure — Memminger-IRO/BTSR/LGL: feste Fadenlänge je Masche → konstante Maschenlänge, weniger spannungsbedingtes Barré und weniger Fallmaschen.
- Korrekte Feinheit und Maschenlänge: eine zum Garntiter passende Feinheit (typisch E18–E28) und eine eingestellte Maschenlänge (typisch rund 2,1–2,9 mm) treffen das Ziel beim Flächengewicht und verhindern die überhöhte Fadenspannung, die Löcher und Streifen erzeugt.
- Thermofixieren im Spannrahmen — rund 180–210 °C (typisch): fixiert die PET-Maschengeometrie, senkt Verdrehung und Verzug, sichert Warenbreite und Dimensionsstabilität; die Kompaktierung bringt den Restschrumpf anschließend auf rund 3–5 % (typisch).
- Warenschau nach dem 4-Punkte-System (ASTM D5430): 1 bis 4 Strafpunkte je nach Fehlerlänge, höchstens 4 Punkte pro laufendem Yard, normiert auf 100 yd²; verbreitete Annahmeschwelle rund ≤ 40 Punkte/100 yd² (streng 20–28, repräsentativ). Laborunterstützung: Farbechtheit nach ISO 105, Flächengewicht nach ISO 3801, Dimensionsstabilität nach ISO 6330/5077, Spektralphotometer-ΔE zur Kontrolle von Barré und Ton.
Fehler → Ursache → Kontrolle
| Fehler | Ursache | Kontrolle / Erfassung |
|---|---|---|
| Verdrehung (Spirality) | Restdrehmoment bei Single Jersey; unausgeglichenes DTY (NON-SET, hohes Restdrehmoment) | Ausgeglichenes SET-Garn + S/Z-Balance; doppelflächige Struktur; Thermofixieren im Spannrahmen; Messung nach AATCC 179 / ISO 16322 |
| Barré (Streifigkeit) | Gemischte Garnlose, Titer oder IV; schwankende Spannung → ungleiche Aufnahme des Dispersionsfarbstoffs | Positive Fadenzuführung (IRO/BTSR/LGL); Ein-Los-Disziplin; Vorprüfung von IV und Farbstoffaffinität; ΔE-Kontrolle |
| Loch / Nadelstreifen | Fadenbruch; gebrochene oder verbogene Nadel beziehungsweise Zunge; hohe Spannung | Geplanter Nadel- und Platinenwechsel (Groz-Beckert); korrekte Spannung; Inline-Abstellautomatik; 4-Punkte-System |
| Fallmasche | Unzureichende Zuführung; falsche Schloss- oder Platineneinstellung | Positive Fadenzuführung; Schlosseinstellung; Wartung; 4-Punkte-System |
| Slub / Ungleichmäßigkeit | Garnungleichmäßigkeit (spun); Fehler bei Texturierung oder Verwirbelung; Öl und Faserflug | Garnabnahmeprüfung (Uster); Prozessstabilität; Hallensauberkeit; 4-Punkte-System |